Was ist eigentlich ein Curriculum?

Unsere werdende Oberschule möchte sich gerne mehr strukturieren, als das im ganz freien Lernen der Grundschule vorgesehen ist. Wir haben eine Weile über dem Spannungsfeld „Freies Lernen“ vs. „Gesetzliches Curriculum“ gebrütet und wir sind immer wieder überrascht gewesen, wie schnell man wieder zum „die müssen doch was Richtiges lernen“ umkippt.

Zum Glück haben wir alle ein gutes Gespür für diese Art von Denkfalle, so dass wir keine voreiligen Beschlüsse getroffen haben.

Was ist eigentlich ein Curriculum?

Das Wort „Curriculum“ war bereits in der Bildungstheorie des Barocks gebräuchlich, wurde im deutschen Sprachraum aber durch das Wort „Lehrplan“ ersetzt. Anfang der 1970er Jahre wurde das Wort „Curriculum“ erneut aus dem angloamerikanischen Bereich in die deutsche didaktische Fachdebatte übernommen. Er geht letztlich zurück auf das mittellateinische Substantiv curriculum → la (deutsch: der Jahreslauf); eigentliche Bedeutung: derjenige Lern- und Lehrstoff, der in einer bestimmten Periode (Schuljahr, Semester usw.) durchlaufen werden muss.

Brockhaus, 1988

Ok, ein Jahreslauf… irgendwer hat sich ein Jahresprogramm „Stoff“ ausgedacht und in 200 Tagesportionen aufgeteilt, auf dass keiner wissenshungrig nach Hause gehen muss an einem normalen Schultag.

Jetzt ist aber vielleicht gar nicht jeder jeden Tag hungrig? Oder gerade sehr? Die Vorstellung, dass in einem großen Restaurant jeder dasselbe und gleichviel zu Essen bekommt, wirkt heute befremdlich (außer in Gefängnissen vielleicht) und für Lernangebote gilt das umso mehr.

Wir haben im Lauf unserer Erforschung viel über Curriculos gelernt.

Hand auf’s Herz - hat sich mal jemand außerhalb des pädagogischen Bereichs die Mühe gemacht, sich ein Oberschul-Curriculum anzusehen? Ich habe eine Mindmap mit den Curriculum-Themen der wichtigesten Fächer (Oberschule, 5.-10. Klasse, Niedersachsen) erstellt. Das war ein mühsames Unterfangen - zum einen aufgrund der Fülle und zum anderen wiederholte sich mit jedem Mindmap Blatt die Frage „wofür?“ immer lauter. Hier mal ein Eindruck der Kompetenzliste nur für Mathematik, ähnliches gibt es für gut 20 andere Fächer.

Ein zunächst ansprechender Ansatz findet sich bei lumiar.co. Eine Management-Software erfasst Aktivitäten der Schüler* und stellt „gelernten Content“ und „Skills“ in einem Dashboard so dar, dass alle Beteiligten sehen können, wo der Schüler* steht.


Schön, dass hier nicht scheinbar nicht bewertet wird. Letztlich wird aber auch hier eine vorgegebene Liste abgebildet, die zwar je nach einsetzender Schule eine gewisse Wahl (vor allem des „Wann“) lässt, aber wenig kreativ-individuelle Erforschung ermöglicht.

Wie wollen wir mit Curriculi umgehen?

Ein Aspekt ist sicher, dass wir eine Nachweispflicht gegenüber dem Schulgesetz haben. Die geforderte „Gleichwertigkeit des Unterrichts“ zwingt uns in die Beschäftigung mit dem Schulcurriculum. Wir brauchen also eine Abbildung vom Stattfindenden auf das Geplante, um die Bürokratie zufriedenzustellen.

Auch die eigene Sorgfaltspflicht erfordert eine Buchführung des Gelernten. Was ist so bemerkens-wert, dass darüber Buch geführt wird? Wer „bemerkt“ es? Sollte das nicht der Lernende, die Lernende selbst sein? Und ist es nicht die Zielerreichung und die noch notwendigen Schritte, die im Fokus stehen statt der schon erledigten Schritte, die nach eigenügendner Würdigung des Erreichten ins Projekt-Archiv verschwinden?

Und dann - „die müssen doch was Richtiges lernen“. Ja was denn? Was lernen in einer Welt, die heute schon weiß, dass es in 10 Jahren 80% der Berufe nicht mehr gibt? Die Agilität und Flexibilität verlangt und Rückgewandheit und Starre lehrt? Die die wichtigen Themen in der selben Abhak-Liste stehen hat (wenn überhsupt) wie die Dead-Ends eines bürgerlichen Bildungsbegriffs, der längst nicht mehr akkurat ist?

Wir brauchen „große Fragen“, denn Antworten gibt es genug. Wir wollen große Fragen, die genügend Einstiegspunkte für die Auseinandersetzung bieten und sich individuell auf erforschenden Pfaden zu eigen gemacht werden können.

Und die großen Fragen sind ja deswegen groß, weil sie komplex sind und dringed beantwortet werden müssen. Wie wäre es mit den Nachhaltigkeitszielen? Wie wäre es mit einer Auseinandersetzung mit dem Nationalismus und Faschismus, der ja gerade in den USA sein blutiges Revival erlebt? Was ist eigentlich gerade mit der Demokratie los und können wir die mal bitte untersuchen? Was ist eigentlich dieser Weltraum und warum wollen da alle hin? Wieso sind wir so wie wir sind, und sind wir wirklich nur deswegen hier weil wir als einzige Lebewesen so verrückt sind, an Dinge glauben zu können, die nicht existieren, wie Harari so eloquent darstellt?

Vor allem müssen wir uns endlich von der „einen großen kohärenten Geschichte“ verabschieden. „Ein roter Faden ist in Zeiten der Komplexität nicht mehr vorstellbar. Eher ein Fadenknäuel, das überall angefasst werden kann und muss“, sagt Lisa Rosa - danke dafür.

So, jetzt ihr :wink:

1 Like

So, das ist mein erster Beitrag. Da muss ich noch einen Standard finden, ich hoffe, die erfahreneren Teilnehmer werden das bei ihrem Qualitätsurteil berücksichtigen.
Mein Thema: Wie benutzen wir das Wort „Curriculum“? Nominativ Singular ist leicht… Aber Plural? Beispielsatz: „Was sind Curricul-xxx“
Meine Lösung: „Curricula“. Klar: Ein lateinisches Neutrum.
Schwieriger wird es im Akkusativ: „Wir wollen viele Xxx entwickeln!“
Zum Glück macht es uns das Lateinische leicht: „Curricula“ ist auch Akkusativ Plural!
Aber jetzt die Hammerfrage: „Wie gehen wir mit Xxx um???“
Hm. Im Deutschen ein Dativ. Aber im Lateinischen? Ein Ablativ, nicht wahr? Den kennt das Deutsche aber nicht. Wir könnten sagen: Wir entscheiden da nichts, Beide Casūs enden so: „Curriculis“
Das Deutsche geht da aber nicht mit. Deshalb bleibt es bei der einfachen Lösung: „Wie gehen wir mit Curricula um?“ Das ist meine Meinung. Und mein Sprachgefühl.

Was sind wir nur für verrückte Lebewesen, die an Dinge glauben können, die nicht existieren? Was für Dinge könnten das sein?
Da müssen wir jetzt nicht gleich „Gott und Engel“ herbeirufen, da würde es nur Widerspruch geben. Es geht doch viel einfacher: Was ist mit den Zahlen, die haben wir doch frei erfunden? Was ist mit „Sonnenaufgang“? Wir wissen doch längst, dass die Erde sich dreht? Noch ein schickes Beispiel: Das „Loch“! Das ist nämlich genau da, wo nichts ist… Die Tierwelt schüttelt die Köpfe!
Wem fallen weitere Beispiele ein?

Gute Hinweise. Da ist mein eingerostetes Latein wohl mit mir durchgegangen… Der Duden will ja Fremdwörter immer deutsch beugen, also „Curriculum“ und „Curricula“ :crazy_face:

1 Like

Etwa 95% der Erwachsenen teilen mit Dir diese Schwierigkeiten!:slight_smile: